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Fatigue bei MS – Zwei interessante Erkenntnisse​

Etwa 80% (1) aller Menschen mit Multipler Sklerose leiden auch unter Fatigue, einer chronischen Erschöpfung, die leichte Aufgaben im Alltag unmöglich machen kann. Doch warum ist das so? Wie und warum hängen MS und Fatigue zusammen? Diese Frage scheint bislang nicht ganz geklärt zu sein, es gibt jedoch verschiedene Ansatzpunkte und Theorien und in diesem Zusammenhang möchten wir Ihnen hier zwei spannende Studien vorstellen.

Mit einer Sehstörung fängt es häufig an

Multiple Sklerose gehört zu den neurologischen Erkrankungen und beschreibt eine Entzündung von Nerven im Gehirn und im Rückenmark. All unsere Organe und Körperteile sind über Nerven mit dem Gehirn verbunden und verlaufen auf dem Weg dorthin durch das Rückenmark. Informationen, zum Beispiel Schmerz oder Druck, werden zum Gehirn geleitet und dort verarbeitet. Von dort können „Aufgaben“ an die Organe oder Körperteile (z.B. Muskeln) zurückgesendet werden, sodass zum Beispiel die Beine bewegt, die Arme gehoben oder der Urin eingehalten werden kann. Die Nerven, also die Informationsleitungen unseres Körpers, sind von außen isoliert, um besser geschützt zu sein. Diese Schutzschicht, ähnlich wie bei einem Kabel, besteht aus Myelin. Bei MS kommt es zu Entzündungen im Bereich dieser Myelinschicht, die Nerven sind nicht mehr richtig isoliert und es folgen Störungen in der Weiterleitung von Informationen. Der Impuls des Gehirns „Gehe einen Schritt“ kommt also nicht richtig in den Beinen an, man stolpert zum Beispiel oder hat das Gefühl, Blei an den Füßen zu haben.

Ein häufiges Erstsymptom zu Beginn der Erkrankung sind Wahrnehmungsstörungen in den Beinen oder Armen, also das Gefühl, dass es „kribbelt“ oder auch Taubheitsgefühle. Manche Patienten berichten, dass sie zum Beispiel auf heiße Herdplatten fassen, die Hitze gar nicht bemerken und danneine Verbrennung feststellen. Andere beschreiben das „Kribbelgefühl“ wie Ameisen, die die Beine hochlaufen oder in Scharen über die Hände krabbeln. Dabei fühlen sich nicht immer beide Seiten gleich an – häufig ist eine Seite des Körpers etwas stärker oder häufiger betroffen als die andere. Auch eine Sehstörung bemerken viele recht zu Beginn der Erkrankung, häufig in Kombination mit Problemen bei der Bewegung der Augen, denn, neben den Nerven im zentralen Nervensystem, kann auch der Nerv, der das Auge versorgt, entzündet sein. Und nicht nur der – genauso können die Nerven, die zur Blase, zum Darm oder zu den Geschlechtsorganen führen, Schwierigkeiten bekommen, alle Informationen aus dem Gehirn oder aus dem Rückenmark oder dorthin zurück richtig weiterzuleiten. Inkontinenz wird immer wieder genannt, wenn man andere Patienten nach Symptomen fragt und auch Erektionsprobleme, sexuelle Unlust oder Probleme bei der Verdauung sind keine seltene Ausnahme.

Fatigue – Warum ich und manch anderer nicht?

Neben den oben beschriebenen funktionellen Problemen erlebt ein Großteil der Menschen mit MS eine extreme Erschöpfung, die nicht konstant ist, aber immer wieder und oft unvorhersehbar auftritt. Fatigue ist unsichtbar, kann die Betroffenen stark beeinträchtigen oder sogar ins Bett zwingen, trifft aber bei anderen häufig auf Unverständnis. Etwa ein Drittel aller Patienten mit MS nennt Fatigue als das am meisten belastende Symptom. „Stell dich nicht so an“ oder „Ach müde? Ja das bin ich auch“ sind dennoch keine seltenen Reaktionen und für viele Patienten ist es schwierig, die eigene Situation verständlich zu machen. Es folgt das Gefühl, sich rechtfertigen oder eine Erklärung abgeben zu müssen, doch eigentlich kann man sich das ja selbst kaum erklären. Woher kommt diese Erschöpfung? Warum ich und manch anderer nicht?

Die schlechte Nachricht vorweg: Warum genau Menschen mit MS häufig auch Fatigue haben, kann bisher niemand sagen. Aber: Es wird daran geforscht und aktuell laufen Studien, die sich mit genau diesem Thema auseinandersetzen. Einen entscheidenden Fortschritt erzielten unter anderem Forscher aus Kliniken in Konstanz und Heidelberg unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dettmers und Prof. Schoenfeld. In einer Studie konnten sie 2017 einen Zusammenhang zwischen Fatigue und veränderten Strukturen im Gehirn darstellen. Mittels einer funktionellen Kernspintomographie wurden Bilder des Gehirns aufgezeichnet während gleichzeitig von den Patienten kognitive Aufgaben gelöst werden sollten. Es stellte sich heraus, dass es bei zunehmender Erschöpfung zu Veränderungen im Vorderhirn kam. Das Vorderhirn dient als zentrale Schaltstelle des bewussten Denkens und Handelns und koordiniert unter anderem Informationsaufnahme und -verarbeitung. Gleichzeitig ist es die Verbindungsstelle zwischen Nerven- und Hormonsystem und kontrolliert unseren Biorhythmus (Schlaf, Hunger, Durst). Eine weitere Erkenntnis darüber hinaus betrifft den Zusammenhang zwischen Fatigue und Funktionen des Sehens. mit zunehmender Erschöpfung ließ sich auf den Bildern eine Abnahme der Funktion im visuellen Funktionsbereich des Gehirns erkennen. Diese Erkenntnisse könnten als Grundlage dienen bei der Entwicklung neuer Therapieansätze, zum Beispiel aus dem Bereich der Elektrostimulation, da nun die Zielregionen im Gehirn lokalisiert werden konnten.

Studien zu den Auswirkungen einer Elektrostimulation auf Fatigue werden unabhängig davon bereits seit einigen Jahren regelmäßig durchgeführt. So haben beispielsweise Forscher der Universität in New York 2017 an 27 Patienten mit MS und Fatigue die Auswirkungen einer Elektrostimulation des Vorderhirns getestet. 15 Patienten erhielten die Stimulation über Elektroden, 12 Patienten bekamen lediglich eine Placebo-Behandlung. Das Ganze wurde in 20 Sitzungen durchgeführt, bei denen alle Patienten kognitive Aufgaben lösen und am Ende den Schweregrad ihrer Fatigue auf einer Punkteskala angeben sollten. Es stellte sich heraus, dass der Schweregrad der Fatigue bei den Patienten mit Elektrostimulation deutlich abnahm, bei denen mit Placebo-Behandlung jedoch gleich blieb, beziehungsweise sogar minimal zunahm. Auch wurde deutlich, dass der positive Effekt der Elektrostimulation mit der Anzahl der Anwendungen zunahm. Nach den 20 Anwendungen wurde der Effekt deutlicher als nach lediglich 10 Anwendungen, die in einer anderen Studie zuvor getestet worden waren. Die genaue Wirkungsweise der Elektrostimulation und warum sie sich positiv auf Fatigue auswirkt, können auch die Forscher der Universität in New York nicht mit absoluter Sicherheit erklären. Es wird vermutet, dass eine Stimulation zu einer Anregung der Nervenzellen führt, die dadurch wieder aktiviert werden und sich untereinander verbinden.

„Müde ist nicht gleich müde“

Die am Anfang gestellte Frage, warum viele Menschen mit MS auch unter Fatigue leiden und wie beides zusammenhängt lässt sich also noch immer nicht ausreichend beantworten. Eine wichtige Erkenntnis aus diesen beiden Studien ist aber, dass Fatigue in der neurologischen Bildgebung sichtbar gemacht und konkreten Bereichen im Gehirn zugeordnet werden kann. Auch wenn eine ausreichende Therapie noch in der Ferne liegen mag, so gibt es doch erste Ansätze, an denen weiter geforscht werden kann und an denen auch geforscht wird. Sollte also wieder jemand sagen „Müde? Ach, müde bin ich auch!“ kann also vielleicht der ein oder andere Betroffene selbstbewusster reagieren mit dem Wissen, dass müde nicht gleich müde ist.

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